Galerie für
zeitgenössische Kunst
Seit 1973
Thermalbad Wiesenbad
Mo - Sa 10 - 18 Uhr
LUNA. Die Schönheit des Verborgenen
Es gibt Dinge, deren eigentliche Schönheit erst dort beginnt, wo das Sichtbare aufhört. Die Mondoberfläche ist sichtbar. Ihr Rhythmus ist sichtbar. Das Licht, das sie uns zurückwirft, ist sichtbar. Und doch bleibt das, was den Mond zu einem der ältesten und rätselhaftesten Gegenstände menschlicher Aufmerksamkeit macht, dem unmittelbaren Blick entzogen: die Zeit, die in seinem Wandel liegt.
DIE MONDUHR | ÄSTHETISCHE INGENIEURSKUNST
LUNA. Die Schönheit des Verborgenen setzt an diesem Widerspruch an. Auftakt der Ausstellung bildet die neu entwickelte Monduhr des Ingenieurs Sebastian Melzer-Thüm. Unter einer fein gearbeiteten Glaskuppel leuchtet ein oranges Lichtsignal, welches sich - gemäß dem Mondzyklus - verändert. Die Monduhr ist ein Unikum, das technische Präzision nicht als Gegensatz zur Poesie versteht, sondern als deren Voraussetzung. Wo eine gewöhnliche Uhr die Zeit misst, stellt die Monduhr eine andere, ältere Frage: Wie lässt sich Zeit nicht nur zählen, sondern beobachten? Wie wird aus einem physikalischen Vorgang ein Bild, aus einem Messinstrument ein Gegenstand der Anschauung?
Die Monduhr ist dabei mehr als eine ungewöhnliche Uhr. Sie ist ein Versuch, einen Himmelskörper in ein mechanisch-digitales Denken zu übersetzen, ohne ihm sein Geheimnis zu nehmen, sogar: das Geheimnis noch einmal zu unterstreichen. Ihr Gegenstand ist nicht die abstrakte, gleichförmig fortschreitende Zeit etwaiger Zifferblätter und Sekundenzeiger. Ihr Gegenstand ist die zyklische Zeit: die Wiederkehr, die Veränderung, das allmähliche Auftauchen und Verschwinden, das Zunehmen und Abnehmen des Lichts.
Die Präzision der Monduhr liegt deshalb nicht allein in der Genauigkeit ihrer einzelnen Bauteile. Sie liegt in der Übereinstimmung verschiedener Ordnungen: der Ordnung des Mechanisch-Digitalen mit der Ordnung des Kosmischen, des berechenbaren Vorgangs mit der sinnlichen Erscheinung. Was auf den ersten Blick wie eine poetische Metapher des Mondes erscheinen könnte, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein hochpräzises Verhältnis von Ursache und Wirkung.
Das eigentlich Erstaunliche aber geschieht zwischen diesen beiden Ebenen. Wir sehen eine eine Bewegung, einen Rhythmus – und wissen zugleich, dass dahinter etwas geschieht, das wir nicht sehen. Damit wird die Monduhr zum programmatischen Auftakt dieser Ausstellung. Sie macht sichtbar, dass Verborgenheit nicht das Gegenteil von Erkenntnis ist. Manchmal ist sie deren Bedingung.
Wir leben in einer Zeit, die das Verborgene mit großer Geschwindigkeit sichtbar machen möchte. Sensoren messen, Kameras durchdringen, Algorithmen erkennen Muster, Satelliten kartieren Oberflächen, Daten machen Vorgänge sichtbar, die dem menschlichen Auge entzogen bleiben.
Und doch entsteht aus immer größerer Sichtbarkeit nicht notwendig größere Erkenntnis. Im Gegenteil: Das Geheimnisvolle kann gerade dort wieder entstehen, wo alles scheinbar erklärt ist. Die Monduhr widersetzt sich dieser vollständigen Entzauberung. Sie erklärt den Mond nicht. Sie gibt ihm ein Gegenüber. Denn Schönheit entsteht hier nicht aus Unwissenheit, sondern aus der Spannung zwischen Wissen und Nichtwissen.
Das Verborgene als Form der Schönheit
Der Titel der Ausstellung ist deshalb bewusst ambivalent. Die Schönheit des Verborgenen kann zunächst bedeuten: Schönheit liegt in dem, was noch nicht gesehen wurde. Im Unsichtbaren, im Unentdeckten, im Geheimnis. Doch das Verborgene ist nicht automatisch schön. Das Verborgene ist keine romantische Kategorie. Es ist ein Zwischenraum. Zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir nur ahnen. Zwischen Erscheinung und Ursache. Zwischen Oberfläche und Tiefe. Zwischen dem Ding und seiner Geschichte.
KUNST ALS WAHRNEHMUNGS-ANGEBOT
Gerade die Kunst hat in diesem Zwischenraum ihren eigentlichen Ort. Sie zeigt nicht einfach. Sie lässt erscheinen. Sie macht nicht alles sichtbar, sondern erzeugt eine besondere Form von Aufmerksamkeit für das, was sich dem unmittelbaren Zugriff entzieht. Ein Bild kann mehr verbergen als zeigen. Ein Objekt kann durch seine Materialität auf etwas Immaterielles verweisen. Eine Bewegung kann eine Erinnerung enthalten. Eine Leerstelle kann beredter sein als eine Darstellung.
So verstanden ist die Schönheit des Verborgenen keine Ästhetik des Geheimniskults. Sie ist eine Ästhetik der Wahrnehmung. Sie fordert vom Betrachter etwas, das in der Gegenwart selten geworden ist:
Zeit.
Zeit, um länger hinzusehen.
Zeit, um Unsicherheit auszuhalten.
Zeit, damit sich aus einem ersten Eindruck eine zweite Wahrnehmung entwickeln kann.
Vom Instrument zum Bild
Von der Monduhr aus öffnet sich der Raum für die Arbeiten der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler. Ihre Werke greifen nicht notwendig den Mond als Motiv auf. Vielmehr begegnen sie den Fragen, die in diesem außergewöhnlichen Instrument bereits enthalten sind: Was liegt hinter der Erscheinung? Was geschieht zwischen zwei Zuständen? Was lässt sich zeigen, ohne es festzulegen?
VEIT HOFMANN
Unter den beteiligten Künstlern steht Veit Hofmann aus Dresden exemplarisch für eine Kunst, in der das Sichtbare niemals nur Oberfläche bleibt. Hofmann, 1944 in Dresden geboren, arbeitet seit den 1970er Jahren freischaffend und hat ein außerordentlich vielseitiges Werk entwickelt, das Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Collage, Buch- und Raumobjekte miteinander verbindet. Seine künstlerische Praxis ist geprägt von Transformation und dem Überschreiten fester Gattungsgrenzen. Bei Hofmann scheint sich das Bild gewissermaßen selbst in Bewegung zu befinden. Formen können sich verwandeln, Bildräume öffnen sich, Dinge werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und in neue Beziehungen gesetzt. Seine persönliche Collagetechnik und seine Beschäftigung mit Buchobjekten, Möbelobjekten und Rauminstallationen zeigen eine Kunst, die nicht beim einzelnen Bild stehen bleibt, sondern immer wieder nach dem fragt, was zwischen den Dingen entsteht.
Das ist für LUNA von besonderer Bedeutung. Denn auch die Monduhr ist eine Collage im ursprünglichen, geistigen Sinn: Sie verbindet etwas, das dem Kosmos angehört, mit etwas, das der menschliche Geist konstruiert hat. Himmel und Mechanik, Naturgesetz und Handwerk, Zeit und Wahrnehmung treten in eine neue Beziehung. Die Kunst setzt diesen Vorgang fort – allerdings mit anderen Mitteln. Wo der Ingenieur eine Ordnung konstruiert, erzeugt der Künstler eine Wahrnehmungsordnung. Wo das Instrument einen Rhythmus sichtbar macht, kann das Bild einen Zustand offenhalten. Wo die Uhr Präzision verlangt, kann die Kunst Mehrdeutigkeit zulassen. Und gerade deshalb gehören beide in dieselbe Ausstellung.
Der Mond als Denkfigur
Der Mond ist in dieser Ausstellung weniger Motiv als Denkfigur. Seit Jahrtausenden begleitet er die menschliche Vorstellungskraft, weil er uns gleichzeitig nah und unerreichbar erscheint. Er ist ein vertrauter Körper am Himmel und ein fremder Ort. Jeder Mensch kennt seine Erscheinung; kaum jemand kennt seine unmittelbare Wirklichkeit. Vielleicht liegt darin seine eigentliche Macht. Der Mond ist uns vertraut, ohne verfügbar zu sein. Er gehört zur Welt, ohne uns zu gehören.
Er verändert sein Gesicht, ohne sich selbst zu verändern. Und er macht etwas sichtbar, das wir sonst kaum wahrnehmen: dass Wahrnehmung immer auch eine Frage der Stellung ist.
Nicht nur das Objekt bestimmt, was wir sehen. Auch unser Standort, unsere Perspektive und unser Verhältnis zu ihm. In diesem Sinn ist LUNA auch eine Ausstellung über den Betrachter.
Sie fragt nicht nur:
Was sehen wir?
Sondern:
Von wo aus sehen wir?
Und weiter: Was bleibt uns verborgen, weil wir falsch stehen?
Präzision und Poesie
Vielleicht ist das die überraschendste Verbindung zwischen Ingenieurkunst und bildender Kunst: Beide beginnen dort, wo die bloße Behauptung nicht mehr genügt.
Der Ingenieur muss der Wirklichkeit standhalten. Der Künstler muss der Wahrnehmung standhalten. Der eine prüft Maße, Toleranzen, Bewegungen und Gesetzmäßigkeiten. Der andere prüft Farbe, Form, Material, Rhythmus und Raum. Beide aber wissen, dass ein Werk erst dann entsteht, wenn die einzelnen Elemente in ein Verhältnis treten, das größer ist als ihre Summe. Die Monduhr ist deshalb nicht bloß ein technisches Objekt, das zufällig schön geworden ist. Ihre Schönheit entsteht aus ihrer Notwendigkeit. Aus dem Zwang, etwas Komplexes so zu ordnen, dass es sichtbar und erfahrbar werden kann. Das ist eine besonders anspruchsvolle Form von Schönheit: eine Schönheit, die nicht dekoriert, sondern erkennt. Und vielleicht ist genau dies die eigentliche Schönheit des Verborgenen: dass wir in einem gelungenen Werk für einen Augenblick etwas von der Ordnung wahrnehmen, die wir selbst nicht vollständig sehen können.
LUNA
Die Ausstellung lädt deshalb nicht dazu ein, ein Himmelsphänomen wiederzuerkennen. Sie lädt dazu ein, ihn neu zu sehen. Und mit ihm die Dinge um uns herum. Die visuelle Anzeige einer neu entwickelten Uhr. Die Bewegung des Lichtes. Die Schichtung eines Bildes. Das Schweigen zwischen zwei Formen. Das, was ein Künstler bewusst nicht zeigt. Das, was ein Ingenieur im Inneren eines Instruments verborgen hält. Das, was wir selbst in einem Kunstwerk suchen, ohne genau sagen zu können, wonach.
LUNA bewegt sich damit zwischen zwei scheinbar entgegengesetzten Polen: zwischen dem Messbaren und dem Geheimnis, zwischen Konstruktion und Imagination, zwischen wissenschaftlicher Präzision und poetischer Offenheit. Vielleicht ist das Verborgene nicht das, was wir noch nicht sehen. Vielleicht ist es das, was wir sehen können, ohne es jemals vollständig zu erschöpfen.
Die Monduhr beginnt diesen Gedanken mit einer Bewegung. Die Kunst führt ihn weiter. Und irgendwo zwischen dem Licht der Monduhr, dem Mondlicht selbst, dem Material, dem Bild und Blick entsteht jener seltene Augenblick, in dem Präzision und Poesie nicht mehr Gegensätze sind. Sondern zwei Arten, sich dem Geheimnis der Welt zu nähern.
VERNISSAGE
Zur Vernissage am 13.09.26, 17:00 Uhr, laden wir herzlich in die Himmelmühle 12, 09488 Thermalbad Wiesenbad ein. An diesem Tag besteht ab 10:00 Uhr auch die Möglichkeit, ausgewählte Räume des Herrenhauses Himmelmühle im Rahmen des Tages des offenen Denkmals zu erleben. Herzlich willkommen.